10.04.2010

Einführung in ein Thema

Die psychologischen Aspekte des Bogenschiessens beschäftigen mich seit meinen ersten Wettkämpfen in den 60er Jahren. Seitdem sind mir viele talentierte und oft auch begeisterte Bogenschützen begegnet, die  nach anfänglichen Erfolgen irgendwann mit unserem wundervollen Sport ein Problem bekamen. Sie erlebten, dass sie durch mehr Schiesstraining  schlechter wurden statt besser. Sie konnten gewohnte und einstmals sicher beherrschte Bewegungsabläufe  oft nur noch unsicher und zaghaft und damit fehlerhaft ausführen. Durch fleißiges Training wurde dieses Problem zurückgedrängt, aber in den Wettkämpfen war es plötzlich wieder da.  Das Problem war im Verein bekannt. Es schien so, als ob früher oder später jeder mal  betroffen war. Es gab die verschiedensten Namen dafür (Scheibenpanik, Gelbfieber, Klickerangst, Freezing-Probleme, …) und man bekam von den “Erfahrenen” oft Tipps, die kurz wirkten, das Problem aber nicht behoben.   Diejenigen, die das Problem nicht in den Griff bekamen, schossen fortan nur noch kleine Turniere oder gaben die Wettkämpfe ganz auf oder wandten sich vom Bogenschiessen ab.

Dieses Problem betraf nicht nur “Freizeitsportler” die nur 100 oder 200 Schuss in der Woche machten, sondern auch solche, die täglich trainieren können.

Und es existiert in verschiedenen Ausprägungen: vom unsicheren und unterbrochenen Endzug bis zur völligen Bewegungsblockade, wenn man nicht mehr kontrolliert  in`s Ziel gehen kann oder wenn man dem Moment, in dem man lösen möchte,  trotz maximaler Anstrengung keinen Zehntelmillimeter näher kommt.

Das ist mein Thema.

Vor Jahren habe ich meine  Überlegungen und die Suche nach Erklärungen auf  diesen Moment der “psychischen Blockade” vor dem Lösen gerichtet. Nach vielen Irrungen ist ein Erkenntnisstand erreicht, der zwar  für manchen Interessenten hilfreich sein kann, der aber wegen der unzureichenden wissenschaftlichen Forschung noch viele spekulative Komponenten enthält. Da es wohl nicht so viele Forschungsstudien zu diesem Thema geben wird, hilft nur der Erfahrungsaustausch weiter.

Im Netz gibt es bereits  interessante Diskussionen zu diesem und ähnlichen Tehmen. Das ist gut so und das war für mich die Anregung, mich mit diesem Blog an der Diskussion zu beteiligen.

Ausgangspunkt (Eine Behauptung, die begründet werden soll.):

Das Phänomen der “psychischen Blockade” im Bogenschiessen hat seine Ursachen nicht allein und nicht zuerst in psychischen Prozessen. 

1 – Der Zustand des Schiessmaterials,

2 – der Zustand des Körpers,

3 – die Qualität des Bewegungsablaufs und

4 – die psychischen Fähigkeiten

müssen gleichermaßen optimiert werden, um psychische Stabilität zu erreichen und psychische Blockaden zu verhindern. 

Die Reihenfolge der Einzelthemen hat Bedeutung. Zum einen nimmt die Schwierigkeit und der nötige Aufwand von Stufe zu Stufe zu, zum anderen werden anhaltende Fortschritte auf den höheren Stufen nur erreicht, wenn die Aufgaben der vorangegangenen Stufe gut erfüllt worden sind.

Dieser Ausgangspunkt enthält auch eine gute Botschaft: Wenn das Material optmiert ist, der Schütze körperlich fit ist und einen optimalen Bewegungsablauf beherrscht, dann ist er für psychische Blockaden weniger anfällig.

Ich werde noch weitere Überlegungen in den Blog stellen. Am besten motiviert bin ich aber in der Diskussion.  Wenn dieses Thema auf Interesse trifft und eine Diskussion zustande kommt, würde ich mich sehr freuen.

Die Diskussion ist auch individuell über meine mail – Adresse (auf meiner web-site) möglich.

Angebot:

In den letzten Jahren war ich u.a. mit der sportpsychologischen Betreuung von Bogenschützen beschäftigt. Die dort gesammelten Erfahrungen gebe ich gerne weiter. Ich bin auch zur Einzelbetreuung über blog oder mail bereit. Die Modalitäten dafür werden dann individuell vereinbart. Ein finanzielles Interesse besteht bei mir nicht. Die dabei gesammelten Erfahrungen sind mir wichtig genug. Bei diesem sensiblen Thema kann ich mir auch eine anonyme Betreuung vorstellen – bei der ich nicht weiß, wen ich betreue.

Kommentare

Deine Diskussionsanregung scheint nicht wirklich zu fruchten. Woran liegt das wohl? Ist die betroffene Gemeinde zu klein? Ist das Thema zu komplex für die Betroffenen, um sich damit auseinandersetzen zu wollen?
Woran machst du fest, dass die Reihenfolge der Einzelthemen deiner Behauptung eine Bedeutung haben solle? Ich betrachte nur mal die Hallensaison auf 18m. Da finde ich Schießmaterial und Körperzustand nicht so entscheidend, als dass diese als Voraussetzungen für die weiteren “HierarchieEbenen” gelten müßten.
Diese psychischen Blockaden von denen Du sprichst, ist für mich verankert mit Worten wie Angst. Druck, den man sich selbst bereitet. Die Erwartungen, die man an sich selbst stellt, nicht zu erfüllen und das immer wieder sich selbst bestätigt, endet in der selbsterfüllenden Prophezeiung. Ein Teufelskreis…

Ist das mit den Blockaden nicht in fast jedem Sport so? Ich denke sogar nicht nur im Sport, sondern auch bei anderen Freizeitaktivitäten.
Ich kenne es so ähnlich in der Fotografie. Manchmal wollen die Foto’s einfach nicht gelingen, obwohl die Kameraeinstellungen eigentlich ordentlich abgestimmt sind und auch sonstige Komponenten aufeinander abgestimmt sind.

Mfg

Mein Thema sind die psychisch bedingten Bewegungsblockaden im leistungssportlichen Bogenschiessen. Sicher kann man die dort gefundenen Ursachen und Erklärungen auch auf andere Bereiche übertragen. Beim Verallgemeinern werde ich aus Erfahrung ganz vorsichtig. Vorsicht vor allzu schneller Verallgemeinerung ist angebracht, wenn es aus der untersuchten Sportart herausgeht, erst recht wenn es ganz aus dem Sport herausgeht und ganz besonders, wenn das gesamte Thema geändert werden soll. Der Fotograf hat in der beschriebenen Situation sicher nicht mit Bewegungsblockaden zu kämpfen, wahrscheinlich eher damit, dass die optimale Kameraeinstellung und die Abstimmung anderer Komponenten für ein gutes Foto nicht reichen und weitere Ideen, die ein einzigartiges Bild bringen, einfach nicht kommen wollen. Das wären dann eher kreative Prozesse, die mit Erfahrungen und der Fähigkeit zu ungewöhnlichen Betrachtungsweisen zusammenhängen. Das ist dann doch etwas anderes. Die o.g. Bewegungsblockaden entstehen erst durch intensives Training “nicht optimaler Bewegungen”, die im Training gute Ergebnisse bringen, unter Stressbedingungen aber mit einer hohen Fehlerquote verbunden sind und dadurch für eine immer größer werdende Unsicherheit sorgen. Die kann so groß werden, dass der beabsichtigte Bewegungsablauf nicht mehr kontrolliert durchgeführt werden kann.
Was könnte denn der Fotograf über einen längeren Zeitraum so intensiv falsch gemacht haben, dass er in eine schöpferische (Bewegungsblockade des Geistes? – Spaß) Blockade rutscht?

Psychischen Blockaden aus dem Weg gehen wollen, ist zwar ein verständlicher Wunsch, aber kein unbedingt nützlicher. Man entwickelt sich nicht dadurch zum psychisch stabilen Schützen, indem man versucht, Schwierigkeiten zu vermeiden, sondern indem man versucht, sie zu bewältigen. Also: Keine Angst vor Blockaden – so schlimm sind sie auch wieder nicht. Man kann sie ganz gut in den Griff bekommen und all das, was man dabei über sich selbst lernt, führt zu psychischer Stabilität.
Natürlich braucht keiner unnötige oder überflüssige Probleme und natürlich bringt die Bewältigung überflüssiger Probleme nicht sonderlich viel. Aber psychisch bedingte Bewegungssicherheit oder Bewegungsunsicherheit gehören zum Bogenschießen dazu wie das Amen in der Kirche. Jemand der sich intensiv mit Bogenschießen beschäftigt, kommt früher oder später unbedingt zu diesem Thema. Das liegt am Bogenschießen selbst, hauptsächlich an den Anforderungen des monotonen Bewegungsablaufs mit Konditionierungseffekten durch die Trefferbelohnung oder Bestrafung. Das liegt aber auch an der Art und Weise, in der wir Menschen mit Stressbelastungen umgehen. Das Thema kann ich später weiter vertiefen, an der Stelle soll es erstmal reichen.
Mit einem gut ausgebildeten Trainer, der einen effektiven Bewegungsablauf von Anfang an und sehr konsequent vermittelt, kann man das Blockaderisiko gering halten. Es gibt in unserem Lande zwar viele, die sich selber für gute Trainer halten, aber wenn man sich anschaut, welche Bewegungsabläufe deren Schützlinge beherrschen, dann sieht man schnell, wie gut sie wirklich sind. Der Anfänger hat aber keine Chance, das sicher einzuschätzen. Der Anfänger ist gezwungen, dem Trainer zu vertrauen und zwar solange, bis er es selber besser weiß.

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