5.04.2010

Psychologie im Bogensport

Bogenschießen ist als Sport und als Therapiemethode gleichermaßen interessant. Hier werden Artikel zu beiden Themen gesammelt.

Kommentare

Antwort auf den Kommentar “einer verzweifelten Mutter”:
Danke für die Anfrage. Ich setze diesen Kommentar nicht in meinen Blog, weil ich annehme, dass es für Ihren Sohn schwierig werden würde. Seine unmittelbaren Konkurrenten oder auch Trainer wüßten gleich, wer gemeint sein könnte. Da er sich nicht selbst an mich gewendet hat, weiß ich also nicht, ob ihm das recht wäre.
Aber zu Ihrer Frage:
Es gibt Trainingsmethoden, die können das Problem reduzieren. Ob aber schon einzelne Methoden ausreichen, ist nicht vorhersehbar, da die psychische Bewegungsblockade sehr unterschiedlich entstanden und ausgeprägt sein kann.
Aber beginnen wir mit einzelnen Methoden:
1) der verlängerte Schuss – der Schütze steht auf 5 m vor der Scheibe und zieht den Pfeil durch den Klicker und nach dem Klick noch ca. 1cm weiter. Erst dann löst er den Schuss. Das ist zu Beginn meist sehr schwer. Oft muss man erst verschiedene Stufen durchlaufen, z.B. erst klicken lassen, weiterziehen, absetzen – als Übung ohne Spiegel mit geschlossenen Augen und dann Schritt für Schritt weiter (ausziehen, klicken lassen weiterziehen, lösen, – später dann mit geöffneten Augen, später dann mit Spiegel auf der Scheibe,..) bis man den kompletten verlängerten Schuss auf Spiegel sicher ausführen kann. Da sind mehrere Trainingseinheiten nötig und mehrere hundert Schuss. Das Ergebnis wird sein, dass die Unsicherheit vor dem Klick nach und nach geringer wird.
Wenn diese Methode intensiv trainiert wird und nicht zum Erfolg führt, sitzen die Ursachen für die Blockade tiefer und es braucht andere Methoden. Die können wir besprechen, wenn es soweit ist.
Viel Erfolg beim Üben. Vielleicht ist es besser, wenn sich Ihr Sohn selber an mich wendet.

Antwort auf den Kommentar von XY vom 16.05.10:
Es interessiert mich einfach, wieviel Leute innerhalb von 6 Monaten auf die Idee kommen, im Internet unter den Stichworten Psychologie und Bogenschiessen zu suchen und dann auf meiner Seite landen. Darum mache ich keinerlei Werbung (nichtmal im Freundeskreis) und bitte auch jeden Leser, das nicht zu tun – bis Ende September 2010 jedenfalls.
Wenn ich dann weiß, wieviele das sind und mit welchen Meinungen sie kommen, werde ich mir Gedanken machen können, warum das so ist wie es ist.

Nun zu dem anderen Gedanken:
Psychisch bedingte Bewegungsblockaden bauen sich auf. Dafür ist ein Lernprozess nötig, der Monate und Jahre dauern kann, der aber auch innerhalb einer 8 stündigen FITA – Runde “tüchtig” voran kommen kann. Das merkt man, wenn Bewegungsabläufe, die auf der ersten Entfernung des Tages noch flüssig funktionierten, am Ende nur noch stockend und unsicher sind, obwohl es keinerlei Kraftprobleme gibt.
Psychisch bedingte Bewegungsblockaden entstehen auf verschiedene Weise. Ein Ansatz geht vom Modell der operanten Konditionierung aus: Wenn auf ein bestimmtes Verhalten nicht die erwartete Konsequenz folgt, wird die Auftretenswahrscheinlichkeit für das Verhalten reduziert. Das ist ein unterbewußter Lernprozess, dem absichtsvoll gegengesteuert werden kann.
Beim Bogenschiessen wird das an der Wirkung der “unerklärlichen oder unkontrollierbaren Fehler” deutlich. Wenn der Bewegungsablauf nicht optimal ist und eine Vielzahl von Fehlerquellen enthält, dann gibt es besonders unter Stressbedingungen immer wieder Schüsse, die vom Schützen so nicht beabsichtigt waren, oder Pfeile die an einer ganz anderen Stelle der Scheibe auftreffen, als erwartet. Wenn das nur sehr selten vorkommt und die absolute Mehrheit der Schüsse genau so abläuft, wie geplant, dann kann der seltene Fehler gut toleriert werden. Wird aber eine bestimmte (individuell verschieden) Häufigkeit der “unerklärlichen” Schüsse überschritten, dann entsteht zunehmende Unsicherheit im Bewegungsablauf, hauptsächlich in der Endphase, die bis zur Blockade führen kann.
Wenn die Konsequenz des eigenen Handelns mit wachsender Wahrscheinlichkeit ein Mißerfolg ist, dann wird das Handeln immer stärker vermieden.
Aus diesen Überlegungen ergibt sich auch die o.g. Hierarchie:
Wenn das Material nicht optimal abgestimmt ist, dann ist dem auftretenden Schiessfehler nicht deutlich genug eine Ursache zuzuordnen. Wenn die Ursache nicht zugeordneten werden kann, ist der Schiessfehler nicht wirksam korrigierbar. Der Fehler wird “unerklärbar und unkontrollierbar”. Wenn jemand auf die Idee käme, bei einem guten Nachwuchsschützen, Spine-Wert, Button oder Nockpunkt zu verstellen, ohne den Schützen zu informieren, würde es nicht lange dauern und dieser verzweifelt an sich und der Welt (zumindest an der Bogenschützenwelt). Wenn er dann nicht in der Lage ist, sein Material zu prüfen und zu optimieren, dann fängt er an, einen bis dahin vielleicht guten Bewegungsablauf auf gut Glück zu verändern. Sollte er mit diesem neuen Stil dann auch noch zeitweilig treffen oder nur bessere Ergebnisse erzielen als vorher, dann schwört er darauf, selbst wenn es für den Erfolg keine akzeptable Erklärung gibt.
Auf kurzen Entfernungen, wie in der Halle, sind die Wirkungen von suboptimaler Materialeinstellung zwar quantitativ geringer (Die Abweichung vom Zentrum erscheint geringer als auf 90m.), der qualitative Anspruch ist aber vollkommen mit großen Entfernungen vergleichbar. Das qualitative Ziel bleibt ja der Zentrumsschuss.

In unseren Gefilden scheint es große Mode zu sein, alle wesentlichen Ursachen für Fehlschüsse in den Unzulänglichkeiten des Schiessmaterials zu suchen. Da wird gekauft und gebastelt, was das Zeug hält. Im Grunde ist es bei Fehlschüssen vernünftig, zuerst sein Material zu prüfen und in Ordnung zu bringen. Dann weiß man bei weiteren Fehlschüssen, dass nicht das Material die Ursache sein kann und kann die Suche auf körperliche Fitness und Bewegungsoptimierung ausdehnen. Dysfunktional wird es erst, wenn trotz optimaler Materialeinstellung bei Fehlschüssen weiterhin nur über die Materialverbesserung nachgedacht wird und über nichts anderes.
Der körperliche Zustand des Schützen und der biomechanisch optimierte Bewegungsablauf haben eine deutlich größere Bedeutung für wiederholbar enge Trefferbilder. Den Beweis liefern die vielen Schützen in unserem Land, die über wunderbares und gut eingestelltes Material verfügen und trotzdem enge Trefferbilder nur selten erreichen. Das liegt in aller Regel nicht daran, dass das Material noch nicht wunderbar genug ist.
Für die Themen: körperlicher Zustand und biomechanisch optimaler Bewegungsablauf bin ich nicht beruflich qualifiziert, nur durch die eigenen Erfahrungen mit dem Bogenschiessen seit September 1964. Zum Glück gibt es inzwischen aber gute Literatur und auch gute Trainer zu diesen Themen.
Körperlicher Zustand und optimaler Bewegungsablauf haben aber auch eine psychische Bedeutung. Zum Beispiel können unter stressarmen Bedingungen, wie z.B. beim Training auf der heimischen Anlage, selbst fehlerhafte Bewegungsabläufe so gut automatisiert werden, dass vergleichsweise gute Trefferbilder entstehen. Auf die Fehlerquellen dieses Bewegungsablaufes kann man sich einstellen indem man sie mit mehr Aufwand oder mehr Kraft unter Kontrolle hält. Erst unter Wettkampfbedingungen zeigen sich dann Probleme, die im Training nur ganz selten oder gar nicht auftraten.
Unter Stress schaffen wir es nicht so gut, uns auf viele kleine und große Details fehlerlos zu konzentrieren. Uns gehen Bewegungsdetails, die wir im Training gut unter Kontrolle haben, nicht nur “durch die Lappen”, wir bilden uns oft sogar ein, wir hätten sie gut im Griff. Stress verändert die Wahrnehmung – es kann zu Wahrnehmungsfehlern kommen, die wir nicht bemerken. Wir denken und fühlen: Der Bewegungsablauf stimmt. Tatsächlich tut er das aber nicht.
Wenn mein Bewegungsablauf aber viele kleine oder größere Fehlerquellen enthält, dann können die im Training noch kompensiert werden, unter Stress aber meist nicht mehr. (Wenn ich weniger Fehlerquellen im Bewegungsablauf habe als die Konkurrernz, bin ich im Vorteil.) Und je mehr ich mich im Wettkampf bemühe, unbedingt jedes Bewegungsdetail so genau wie möglich auszuführen, umso schlechter gelingt das oft. Das liegt daran, dass ich in einer Situation, in der ich nicht mehr alles richtig mitbekomme, die Anzahl der Kontrollaktivitäten noch erhöhe anstatt sie zu reduzieren. (Reduzieren kann ich aber nur, wenn ich genau weiß, welche Details wesentlich sind und welche nicht – und für dieses Wissen brauch eine exakte Bewegungsanalyse.) Diese Erlebnisse sind es dann, die manchen Schützen in die Arme der “Motivationskünstler” treiben, die das Heil im “leeren Kopf”, im “Nichtkonzentrieren” und im “Nichtswollen” suchen.
Diese Strategien funktionieren nur kurzzeitig – langfristig helfen sie beim Blockadelernen. Kurzfristig helfen sie, weil wir unter Stress nicht mehr alles mitbekommen und jede Vereinfachung der Aufgabenstellung erstmal stressreduzierend wirkt, selbst naive Vereinfachungen haben diese Wirkung. Langfristig schaden sie, weil die eigentliche Ursache, der fehleranfällige, nicht bewußt ausgeführte Bewegungsablauf, nicht beseitigt ist, immer wieder neu zu Mißerfolgen führt und weil das “Nichtnachdenken” vor allem in Situationen, in denen ich gut sein will, nicht funktioniert. Vor allem dann, wenn Unsicherheit überwunden werden soll, hat das “Nichtnachdenkenwollen” eine unsicherheitsverstärkende Wirkung. Das hat mehrere Gründe, dazu später mehr.

Es bleibt die Erkenntnis: Spitzenleistungen gelingen auf Dauer nur durch bewußtes und absichtsvolles Handeln. Ich muss wissen, was ich in jedem Moment des Schusses tun will und ich muss mich in die Lage versetzen, dies auch tun zu können. Das absichtliche, richtige Schiessen genau zum richtigen Zeitpunkt – ist eine Fähigkeit, die aufwändig trainiert werden muss. (Die einmalige Spitzenleistung als Ergebnis des glücklichen Zusammenwirkens vieler Einflußfaktoren, deren Wirkungen ich gar nicht alle kenne, ist zwar auch möglich aber nicht planbar und kann somit auch nicht zielstrebig organisiert werden.)

Viele Schützen, die überwiegend nach der Methode: Versuch und Irrtum trainieren (die ihren Bewegungsablauf ausschließlich in Abhängigkeit von der sofortigen Trefferausbeute verändern) haben die Erfahrung gesammelt, dass sie sofort aus dem Rhythmus kommen und schlechter schiessen, sobald sie damit anfangen, auf einzelne Bewegungsdetails zu achten. Oft empfinden sie den Schuss als eine fließende Abfolge von einzelnen Bewegungswahrnehmungen, die im Detail gar nicht genau beschrieben werden können oder auch als ein komplettes Bewegungsgefühl, dass nur in seiner Ganzheit wahrgenommen und ausgeführt werden kann. Nehmen sie aus diesem Bewegungsfluß mit gezielter Aufmerksamkeit ein Detail heraus, kommt das Ganze in`s Stocken.
Natürlich kommt der Bewegungsfluss in`s Stocken, wenn ich mich auf ein Bewegungselement besonders konzentriere und dann geht auch die Trefferquote zurück – vor allem dann, wenn ich es nicht gewohnt bin, den Bewegungsablauf im Detail zu analysieren und zu trainieren. Aber dieser “Rückschritt” kann recht schnell überwunden werden und zwar zum Nutzen des gesamten Bewegungsablaufes, der dann wieder in seiner Ganzheit erlebt und gesteuert werden kann. Das erleben viele Schützen aber gar nicht, weil jeder Schritt, der auch nur kurzfristig zur Treffereduzierung führt, schnell und kategorisch abgewählt wird – oft nicht nur vom Schützen sondern auch vom Trainer. Begründet wird das dann mit den bevorstehenden Wettkämpfen in denen Leistungen gebracht werden müssen. Unglücklicherweise gibt es dann meist im ganzen Jahr keine Zeit, die dafür günstig wäre. Für den Freizeitsportler ist dieses Denken kein Problem, weil für den der Spaß den er jetzt hat, das Wichtigste ist. Die Perspektive ist dann nicht so wichtig, denn wenn es irgendwann wegen Leistungseinbrüchen oder fehlenden Leistungssteigerungen zu einem Motivationsloch kommt, geht man einfach zu einem anderen Sport. Schwierig wird diese Denkweise erst, wenn Spitzenleistungen erreicht werden sollen. Die Umstellung auf bewußtes Schiessen bedeutet für manchen Sportler ein mehrmonatiges intensives Training bei deutlich reduzierten Trefferleistungen in einer mehrwöchigen Anfangsphase. Dafür braucht der junge Sportler viel Unterstützung und Rückendeckung. Wenn er die nicht hat, wird er nichts tun, was sein aktuelles Leistungsvermögen gefährdet – selbst wenn er sicher sein kann, dass er mit den bisherigen Methoden keine Leistungssteigerung erreicht.
An dieser Stelle sind die Kenntnisse der Bewegungsexperten besonders gefragt. Wie werden neue Bewegungen am schnellsten gelernt, fehlerhafte Bewegungsdetails so überwunden, dass sie auch unter Stress keine Rolle mehr spielen? Im engen Zusammenhang damit stehen die Besonderheiten eines wirksamen mentalen Trainings. Nach meiner bisherigen Erfahrung wäre eine enge Zusammenarbeit von Fachleuten für Bewegung und Fachleuten für psychische Prozesse notwendig, um hochwirksame Trainingsmethoden zu erarbeiten. Das geht nicht, wenn der eine Aspekt nur zum Anhängsel des anderen gemacht wird, so z.B. nach dem Motto: Erst richtig schiessen lernen und dann kommt das Sahnehäubchen Psychologie dazu.
Die Psychologie beginnt aber schon beim Erlernen der wichtigen Bewegungen. Das kann so geschehen, dass die Bewegungen auch unter Stress abrufbar sind, dass kann aber auch so geschehen, dass sie nur im Training sicher ausgeführt werden.
Beim Thema Bogenschiessen habe ich diese enge Zusammenarbeit bei der Erarbeitung von Trainingskonzepten bisher nicht erlebt, möchte mich aber sehr gerne daran beteiligen, wenn es diese bereits geben sollte – oder meine Bereitschaft zum Beginn dieser Zusammenarbeit erklären.

Keine Sorge: Nicht jeder Kommentar wird so seitenlang zugetextet wie dieser. Nur am Anfang erscheint es mir wichtig, im Zwiegespräch meine Meinungen ausführlich darzustellen. Wer kurze Reaktionen will, kriegt sie auch.

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